Seelsorge

Schulseelsorge wurde bis vor ca. 20 Jahren selbstverständlich als ein "pastorales Feld" betrachtet, das Teil der traditionellen Gemeindepastoral war. Die Seelsorger der Gemeinde vor Ort waren unter anderem auch zuständig für die Schulen am Ort. Seelsorge in dieser Zeit war noch geprägt von einer Gemeindekonzeption, in der die Kirche häufig noch der Mittelpunkt des gemeinsam gestalteten, erlebten und gedeuteten Lebens war. In der zur jeweiligen Gemeinde gehörenden Schule fand danach die Vorbereitung auf die Sakramente durch den jeweiligen Ortspfarrer statt. Die territoriale Überschaubarkeit der Gemeinde förderte und stützte das Entstehen eines generationenübergreifendes Beziehungsnetzes, in dem die Schule, neben anderen örtlichen Institutionen ein selbstverständlicher Ort der Begegnung war. 

Heute hat sich die Situation der Kirche wie auch die der Schulen grundlegend geändert. Gesellschaftlich ist die Kirche bzw. die der am Gemeindeleben teilnehmenden Christen eine Minderheit geworden. In unserer individualisierten Freizeitgesellschaft hat das Leben der Ortsgemeinde, sofern diese überhaupt noch als solche existiert eine geringe Bedeutung.

Die Schullandschaft hat sich insofern verändert, als dass wir heute überwiegend große Mittelpunktschulen vorfinden, die von Schülern aus einem weiten Einzugsgebiet aufgesucht werden. Kurz: Ein unmittelbares Ineinander von Schule und Gemeinde vor Ort gehört in unseren Breiten der Geschichte an und aller rückwärtsgerichteten Nostalgie zum Trotz ist dies das Zeichen der Zeit, auf das eine Konzeption der Seelsorge an Schulen heute zu antworten hat. 

Geisenheim, als Mittelpunktstadt im Rheingau ist in diesem Sinne in den vergangenen Jahren zur Schulstadt geworden, insofern hier zwei Gymnasien von ca. 1400 Schülerinnen und Schülern, eine Hauptschule, eine Berufsschule, eine Fachhochschule und eine Grundschule angesiedelt sind. So fahren ca. 1800 Schülerinnen und Schüler täglich nach Geisenheim zu ihrer Schule. 

Ich habe als Theologe und Sozialpädagoge des Bistums Limburg den Auftrag zur Schulseelsorge in Geisenheim mit dem Schwerpunkt der St. Ursula-Schule. Im Sinne eines Symbols oder Logos für die Schulseelsorge habe ich ein "Drei-Ringe-Modell" entwickelt: Die verschiedenen Weisen des Miteinander-Lebens und des Miteinander-Glaubens werden konkretisiert in den nachfolgend aufgeführten Aktivitäten, in denen sich Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern begegnen, unterstützen und das Schulleben nach innen und nach außen gestalten, so dass sich in den unten aufgeführten Maßnahmen persönliches, soziales und spirituelles Wachsen ereignen kann. 

1. Die Tage der Orientierung 

Gerade im Schulleben, das geprägt ist durch einen "rigorosen" 45-Minuten - Takt ist es für die Schulseelsorge essentiell notwendig "kreative Unterbrechungen" zu schaffen, in denen den Schülern Zeit und Raum gegeben wird sich selbst und damit ihren Lebens- und Glaubensfragen auf die Spur zu kommen. So biete ich in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Jugendamt Tage der Orientierung für die Jahrgangsstufen 6, 10, 12 und 13 an. Für drei oder vier Tage fahren die Schüler, die sich ab der Klasse 10 frei zu diesen Tagen entscheiden können, in ein Jugendhaus, wo sie von erfahrenen pädagogischen MitarbeiterInnen mithilfe von kreativen Übungen, Gesprächen, spirituellen Impulsen und offenen, unverplanten Zeiten ihren selbst gewählten Themen in gemeinschaftlicher wie auch sehr persönlicher Weise nachgehen können.

2. Das Schüler/innencafé 

Das Schüler/innencafé ist ein zweckfreier Ort der Regeneration, der Stärkung mit Getränken und kleinen Gerichten und nicht zuletzt der Begegnung. Dieser offene Treffpunkt, frei von pädagogischen und inhaltlichen Absichten steht im Dienst einer Beziehungsarbeit, die oft ungeplante Anknüpfungsmomente für Initiativen ermöglicht. Das Café wird täglich von bis zu 100 Schüler/innen besucht, was uns darin bestätigt, dass der Bedarf nach einem Raum der zwanglosen Begegnung äußerst groß ist. Seit einem Jahr ist das Café auch zu einem geschätzten abendlichen Treffpunkt geworden.

3. Die Beratungsarbeit - "Open Ohr" 

Im straff organisierten Schulalltag ergeben sich die Momente, die "Augenblicke" der Ratsuche, des Signalisierens von Problemen oftmals buchstäblich "zwischen Tür und Angel". Durch das Nutzen von schulinternen und außerschulischen Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit wissen die Schüler/innen ebenso wie die Lehrer/innen um die Möglichkeiten den Schulseelsorger und den Jugendpfarrer bei Problemen und Lebensfragen aller Art anzusprechen. Ich befinde mich in der Ausbildung zum systemischen Familientherapeuten und der Jugendpfarrer ist ausgebildeter Gestalttherapeut. Diese fachspezifischen Kompetenzen werden ergänzt durch die über viele Jahre gewachsene Seelsorgeerfahrung. Soziologisch betrachtet ist der Rheingau eine ländliche und überwiegend katholische Region, in der der landläufige Begriff von der "heilen Welt" noch eine gewisse Berechtigung hat, wenn man die geographische Überschaubarkeit und die traditionellen sozialen Strukturen betrachtet. Gleichzeitig ist mit diesem Phänomen der "kleinen Lebenswelt" gerade im Blick auf die Grundbedürfnisse Jugendlicher nach freier Entfaltung auch eine oft problematische Enge im Sinne von Sozialkontrolle verbunden. Auch die hohen Lebenshaltungskosten in dieser Region führen nicht selten dazu, dass der gesellschaftliche Druck nach Leistung und Anerkennung aus unserer Wahrnehmung sehr stark an die Kinder und Jugendlichen weitergegeben wird. Ein bedenklicher Indikator für eine Mentalität der Tabuisierung von Problemen ist die Tatsache, dass es in den letzten Jahren gerade im Rheingau "Fälle" von Suizid gegeben hat. So ist das niedrigschwellig angelegte Angebot "Open Ohr" ein offenes Gesprächsangebot. Die Seelsorge für Kinder und Jugendliche ist dem Bistum Limburg ein besonderes Anliegen. Das differenzierte und vielfältig genutzte Programm, das die Schulseelsorge und das Katholische Jugendamt den Kindern und Jugendlichen im Rheingau anbietet, schafft einen geeigneten Rahmen im Kontext von erlebnisorientierten Maßnahmen einen "face to face" Kontakt finden und so gegebenenfalls die niedrige Hürde zu einem persönlichen Beratungsgespräch zu nutzen. Erreichbar ist das Beratungsangebot "Open Ohr" über persönliches Angesprochenwerden und über einen Telefonanschluss, der direkt zu den Seelsorgern weitergeschaltet wird. Außerdem besteht auch die Möglichkeit über E-Mailkontakt und einen Briefkasten an der Schule, der nur vom Schulseelsorger geöffnet werden kann, mit den Seelsorgern in Kontakt zu kommen. Darüber hinaus ist geplant, das Angebot einer Gesprächsgruppe zu machen, die sich in regelmäßigen Abständen trifft und nach dem Konzept einer Selbsterfahrungsgruppe den Teilnehmer/innen die Möglichkeit bietet, in einem geschützten Rahmen und unter professioneller Begleitung über ihr Leben und ihre Probleme zu sprechen. 

(Zum "Open Ohr" Angebot gibt es noch einen eigenen Artikel, der vor einiger Zeit in der Bistumszeitung Der Sonntag erschienen ist.)

4. Die Gottesdienste und Meditationen 

Jede Jahrgangstufe hat ca. 3 Gottesdienste im Schuljahr. Die Gottesdienste sind primär ökumenische Wortgottesdienste, die von den Schülerinnen und Schülern selbst gestaltet werden. Die inhaltliche, liturgische und musikalische Akzentuierung liegt in der Freiheit und Verantwortung der jeweiligen Vorbereitungsgruppe. Zentral ist die Dimension die jeweils anstehenden aktuellen persönlichen und/oder gesellschaftlich relevanten Themen in Beziehung zu setzen zur jüdisch christlichen Glaubenstradition. Neben den Gottesdiensten gibt es auch die Möglichkeit der Meditation, der Einübung in die persönliche Erfahrung von Stille und Sammlung. Hierzu steht uns in der Schule ein eigener Meditationsraum zur Verfügung.

5. Die SV Arbeit 

Die Schulseelsorge sieht sich auch im Sinne der Perspektive auf das gesamte Schulleben mitverantwortlich und auf den Plan gerufen, die Verantwortung und Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, sich für eine schülerfreundliche Schulkultur einzusetzen. So findet jährlich ein mindestens zweitätiges SV-Seminar statt, zu dem alle Klassensprecher/innen, Kurssprecher/innen, die Schulsprecher, die Vertrauenslehrer und die Vertreter der AGs eingeladen sind. Dieses Seminar stärkt die Selbstverantwortung für das Schulleben bzw. für die Beziehungskultur untereinander enorm.

6. Die Solidaritätsarbeit an unserer Schule: Die Solidaritätstage, die Soli AG und der Verein Compassion 

Als Schulgemeinde gehört zu unserem pädagogischen und christlichen Grundverständnis über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Menschen, die anders leben, besonders Menschen in Notsituationen lassen wir jährlich in Form eines großen Projekttages in praktischer Weise in unser Blickfeld treten. Die Solidaritätstage, an denen wir in den letzten drei Jahren durch Spendenläufe und durch Arbeitseinsätze schon Spenden aus unserer Region von über 100.000 Euro eingenommen haben, dienen der Schulgemeinde durch das starke "Wir-Gefühl" und die "Brücke", die diese Tage zu Menschen aus anderen Kulturen und in anderen Lebenssituationen bauen. 

Die Solidaritäts AG hält stellvertretend für die Schülerschaft den Kontakt zu den Spendenzielen aufrecht und ein eigens gegründeter Verein Compassion wickelt die wirtschaftliche Seite der Solidaritätsarbeit ab.

7. Die Elternarbeit und der "Runde Tisch" 

Die Einbindung der Eltern in die Mitverantwortung für das Schulleben und die Prägung der Schule wird durch das Unterstützungsangebot der Schulseelsorge für die Eltern in Fragen der religions-pädagogischen Erziehung geleistet. ein Nachdenken und die Mitgestaltung des Schullebens von Seiten der Elternschaft unserer Schule findet in Form eines "Runden Tisches" statt, zu dem Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen eingeladen werden. Erfahrungsgemäß haben die Eltern ein besonderes Interesse die spezifischen christlichen und sozialen Wertvorstellungen unserer Schule wachzuhalten und gegebenenfalls auch einzuklagen.