Jesus ist kein Fakt, sondern bedeutend. D.h. seine Existenz als Tatsache verdient eine Deutung, ja muss gedeutet werden. Nicht erst jetzt, immer wieder ist von jeder Generation neu zu erschließen, wer er denn sein kann, für uns. Das galt auch für seine erste Schülergeneration und seine Zeitgenossen. Ja Jesus selbst konfrontiert seine Jünger mit der Herausforderung, mit dem Schatz überlieferter Tradition zu deuten, wer er sei. Allein von GOTT her, so auch die katholische Tradition, kann der Mann aus Nazareth annäherungsweise erkannt werden.
Wie aber geht das, von Gott her erkennen? Erkenntnis nach jüdischer Philosophie ist eine Herzensangelegenheit, ist ein liebevoller Zugang zu Dingen und Lebewesen. Eine „Zergliederung“ der Gestalt Jesu, eine orthodox-begriffliche Präparation seiner Person, gepflegte begriffliche Korrektheit, das führt gut zu papierener Gelehrsamkeit, nicht aber zu christlicher Weisheit. Eine Auseinandersetzung mit Jesus, seiner Gestalt als „der Christus“, wird fruchtbar nur in der Annahme eines sur plus, einem Mehr als Information, einem Mehr als analytische Entdeckung, einem Mehr als dogmatisch korrekte Begrifflichkeit.
Im Bildungsauftrag eines katholisch fundierten Gymnasiums steht auf der Basis rational-vernünftiger Erkenntnis und Selbstvergewisserung die Pflege weiterer, transrationaler Erkenntniswege. Erkenntnis durch Gebet und Meditation, der Pflege der Intuition und Imaginationsfähigkeit, Stärkung musisch gestalterischen Ausdrucksuche, Förderung spielerisch-erlebnisorientierter Lernwege, Übung sozialer und politischer Verantwortlichkeit in der „Lebensgemeinschaft Schule“, in Kirchengemeinde und in gesellschaftlichen wie staatlichen Korporationen.
So kann es in einem Christologiekurs nicht ausschließlich um die Klärung der Deutungshoheiten zu „Christus-Titeln“ gehen. Die Schüler werden im Wortsinne zu Schülern erst dadurch, dass sie die Sache „Jesus als der Christus“ in ein erkenntnisleitendes Interesse mit ihren Konstruktionen zur Lebensgestaltung aufnehmen. So sind die oben stehenden Leitfragen zum Christologiekurs als Impulse für eine “Spiegelkommunikation“ zu verstehen.
Als Spiegelkommunikation ist eine verbindliche Auseinandersetzung zu verstehen, die im Erschließen einer Sache für das Selbstverständnis und die eigene Lebensorientierung angeregt wird. Die Sache „Christologie“ ist zu transformieren in eine Begegnung mit der Gestalt und Person Jesu Christi.
In verschiedenen Zugängen zu seiner Person ist darauf zu achten, was durch Jesus als den Christus tönt (vgl.. lat.: per-sonare). Welche Lebensbotschaft kann durch ihn anklingen? Religiös formuliert: Wie kann Gottes Odem (seine ruach, sein heilig-heilender Geist) bei mir ankommen, dass ich wahrhaft Mensch werde?
Beim Erschließen der Gestalt Jesu ist darauf zu achten, wie seine Gestaltung als Christus geworden ist im Erkenntnisprozess der Schriften und kirchlichen Traditionen. Auch projektiv geleitete Idealisierungen begründen dabei Perspektiven eines liebevoll (religiös gesagt: gottgewollten) bestimmten menschlichen Entwicklungsprozesses, eine Bereitschaft zur Geburt des Christus in uns.
Fundierte Kommunikation entsteht, wenn man sich ansprechen lässt und umgekehrt, wenn man jemanden anspricht. Anspruch ist immer auch Herausforderung für Schüler, heraus aus gewohnten Denk- und Deutungsmustern. Dazu ist ein schulischer Unterricht mit Bildungsabsichten eingerichtet. Sich herausfordern und ansprechen zu lassen, verlangt Bereitschaft zu Beweglichkeit und Bewegung, eben Motivation. Im Rahmen von Schule als verordneter Einrichtung versteht sich das nicht von selbst. Inwieweit wagen es also Schüler, sich bewegen, ja von einer Sache berühren zu lassen?; durch Sachtexte und Literatur, durch Gemälde und Filme. Und inwieweit trauen sie sich und einander, sich anzusprechen mit dem, was sie bewegt? also sich auszutauschen mit ihren Einfällen, Assoziationen, Ideen, Erklärungsmöglichkeiten, Vor-Urteilen, Bildmetaphern und Lebenssymbolen.
Eine entsprechende Didaktik verlangt vom Lehrer, anregende, unterstützende, ermutigende Impulse, eben nicht vordergründig und hauptsächlich (i. Wortsinne) ein Bescheidwissen darüber, „was für die Schüler Sache ist“. Die Schüler sind anzuregen, sich deutend die Sache, hier: Person und Gestalt Jesu als des Christus zu erschließen, damit die Christusgestalt für sie Bedeutung gewinnt. Die Aufgabe des Lehrers besteht in der Vermittlung verschiedener methodischer Zugänge und der „Horizonterweiterung“ durch inhaltlich unbekannte Deutungs- bzw. Orientierungsmuster.
„Für wen also haltet ihr mich?“
Die Frage ist doppelt zu beantworten. Einmal unter der Bedingung der objektiven Forderung schulischen Unterrichts als Verständnis eines Sachverhaltes. Zum anderen aber, dahinter kann gerade eine kirchlich getragene Bildungseinrichtung nicht zurück, kann eine Antwort unter der Voraussetzung angebahnt werden, dass die Schüler auf Christus getauft sind. Taufe als sakramental wirkungsvoller Akt eines „schon und noch nicht“ ist auch ein vom RU einzulösendes programmatisches Versprechen von Christen. So kann gerade im „Christologiekurs“ in einer Spiegelkommunikation mit Jesus dem Christus abzulesen sein, was ein christliches Lebensskript bestimmt, welche Leiterfahrungen und welche Leitideen Menschen in ihrer Christwerdung orientieren können.

Titelabbildung nach einer Ikone
nach dem Bild des Christus-Acheiropoietos
aus dem 6. Jhdt. (?),
das sich z.Zt .in der Kapelle Redemptoris Mater
im Vatikan befindet;
Bildzitat entnommen: H. Fischer.
Von Jesus zur Christusikone.
Petersberg 2005. S. 175